Dorf-Akademie gut angelaufen

Ziel: Ehrenamtliche für Aufgaben der Dorfentwicklung qualifizieren - Neue Ideen für 2021

 Vor einem knappen halben Jahr ist die Dorf-Akademie eröffnet worden - und der Pandemie zum Trotz gut angelaufen. Zwar hat Corona auch Projektmanager Marius Wetz und seine Kollegen von der Wirtschaftsförderung Wetterau vor Herausforderungen gestellt. Doch die damit verbundenen Anpassungen haben auch zu neuen methodischen und inhaltlichen Ansätzen geführt, die das Projekt weiter voranbringen sollen. "Die ersten Erfahrungen sind gut", bilanziert Wetz. "Wir blicken zuversichtlich auf 2021 und haben auch schon einige neue Ideen."

Beim Regionalforum Ende September hatte Landrat Jan Weckler die Dorf-Akademie offiziell eröffnet. Deren Ziel ist es, Ehrenamtliche für die Aufgaben der Dorfentwicklung zu qualifizieren. Der Fahrplan für die nächsten Monate stand fest, erste Qualifizierungsangebote waren geplant und terminiert. "Anfangs waren noch Präsenzveranstaltungen unter Einhaltung der Corona-Regeln möglich", sagt Wetz. "Danach mussten wir die Angebote ins Netz verlegen." Nur eine einzige Veranstaltung habe abgesagt werden müssen. "Insgesamt konnten wir über 80 Teilnehmer begrüßen", sagt Wetz. Das seien zwar weniger als ursprünglich geplant, aber angesichts der pandemiebedingten Einschränkungen doch mehr als erhofft. "Das ist schon ein Erfolg, auf den wir stolz sind", sagt Wetz im Namen des Teams der Wirtschaftsförderung, wo die Dorf-Akademie angesiedelt ist.

Besonders eine Veranstaltung hebt Wetz hervor: "Robotik für Kinder", angeboten von Rinku Sharma, dem Geschäftsführer von "techeroes". Der Stadt Ortenberg, wo die Kurse stattfinden sollten, gefiel die Idee so gut, dass sie die Kurse kurzerhand ins Programm der eigenen Ferienspiele einband. "Es ist wichtig, dass Kinder nicht nur mit Computern umgehen können, sondern auch die Grundlagen verstehen: wie Technik im Hintergrund funktioniert", sagt Bürgermeisterin Ulrike Pfeiffer-Pantring. Und auch die Kinder - sowie deren Eltern - waren angetan. "Alle vier Workshops waren ausgebucht", sagt Projektmanager Wetz. Deshalb soll ein ähnliches Programm für die Sommer- oder Herbstferien organisiert werden. "Das ist ein gutes Beispiel dafür, was die Dorf-Akademie leisten kann", sagt Bernd-Uwe Domes, zusammen mit Klaus Karger der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung. "Die Dorf-Akademie gibt einen Impuls, den die Akteure vor Ort, in diesem Fall die Kommune, aufnimmt."

Robotik für Kinder in Ortenberg mit Rinku Sharma

Ohne Vereine und Ortsbeiräte geht es nicht

"Mir war es außerdem wichtig, dass wir etwas für Kinder anbieten", sagt Wetz. "Um zu zeigen, dass es auch tolle Angebote im ländlichen Raum gibt, nicht nur in den Zentren." Eine wichtige Rolle, um die Dorf-Akademie mit Leben zu füllen, spielen aber vor allem die Erwachsenen - Ortsbeiräte, Vereinsvorstände, ebenso die vielen (Hilfs-)Initiativen, die alle das soziale Leben bereichern. "Die ersten Erfahrungen haben gezeigt, wie wichtig es ist, diese Multiplikatoren im Vorfeld einzubinden. So können die Angebote der Dorf-Akademie einen Rahmen bilden, der mit den Vereins- und den politischen Strukturen vor Ort verknüpft wird", sagt Domes. Eine enge Zusammenarbeit mit den lokalen Akteuren sei überhaupt eine wichtige Ebene der Dorf-Akademie, die unter Corona-Bedingungen allerdings noch nicht optimal habe aufgebaut werden können.

Die Pandemie hat andererseits aber auch gezeigt, was durch die veränderten Umstände überraschend gut laufen kann: Online-Angebote zum Beispiel. "Corona zwingt alle zum Umdenken, und so passen sich auch unsere Themen der neuen Situation an", blickt Wetz nach vorn. "Wir denken die Dorf-Akademie weiter. Die Idee ist: Die Dorf-Akademie geht digital." Veranstaltungen sollten - und müssen - nun zunächst einmal online stattfinden. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es durchaus Seminare und Workshop-Angebote gibt, die sich gut ins Netz übertragen lassen, obwohl sie eigentlich als Präsenzveranstaltung konzipiert waren", sagt Wetz. Er hebt auch den Sicherheitsaspekt hervor, der Online-Veranstaltungen gerade für die vielen älteren Vereinsvertreter interessant mache - inklusive der Möglichkeit, Infomaterial danach digital zur Verfügung zu stellen.

Es gebe aber auch Angebote, bei denen der persönliche Dialog wichtig sei. "Dabei geht es vor allem um Innenentwicklung, um Veranstaltungen in Verbindung mit Objekten", erklärt Klaus Karger. "Wenn etwa die Sanierung von Altbauten besprochen werden soll, ist der Austausch vor Ort immer eindrucksvoller, authentischer und zielführender." Solche Präsenzveranstaltungen würden aber frühestens für das Frühjahr geplant, "wenn man sich wieder draußen treffen kann".

Land-Office: Büroarbeitsplätze im Dorf

Nicht nur organisatorisch, auch thematisch wird die Dorf-Akademie weiterentwickelt. So ist etwa ein Projekt in Zusammenarbeit mit Architekt Gustav Jung geplant: „Land-Office – Arbeiten, wo ich daheim bin!“ Dieses zukunftsfähige Konzept wurde am Dienstag, 9. Februar, um 18 Uhr als Zoom-Veranstaltung vorgestellt. "Corona hat gezeigt, dass digitale Zusammenarbeit im Homeoffice gut funktionieren kann", sagt Jung. "Häufig ist Homeoffice aber eine ernstzunehmende Belastung für die Arbeitnehmer durch die ständige Erreichbarkeit für die Familie." Eine Alternative könnte sein: Land-Office - Büroarbeitsplätze im Dorf. "Landoffice will Räume schaffen, die bessere Arbeitsmöglichkeiten in der Nähe der Wohnung bieten. Der Weg ins Büro soll kurz sein, bestenfalls um die Ecke", erklärt Jung. "Dort wird moderne Infrastruktur geschaffen, es gibt Arbeitsplätze, Kommunikation sowie Kolleginnen und Kollegen, auch aus ganz anderen Sparten." So könne zudem die Dorfstruktur erhalten bzw. wiederhergestellt werden, weil Leerstände genutzt und dadurch der Ortskern und damit die Dorfgemeinschaft belebt würden. Um die Arbeit kurzum ökologisch, sozial und wirtschaftlich neu zu gestalten, schlägt Jung vor, ein Pilotprojekt mit einer geeigneten Kommune zu starten.

Die konkrete Planung eines solchen innovativen Modellprojekts hat die Dorf-Akademie auch schon in Angriff genommen. In Ortenberg gibt es eine passende Immobilie - und vor allem einen Eigentümer, der die Idee mitträgt. "Man hört überall von sogenannten Co-Working-Spaces, aber oft scheitert es an den Rahmenbedingungen", sagt Domes. "Die Immobilie in Ortenberg indes ist wie geschaffen dafür. Die Architektur des Objekts, die Ausstattung und die Lage sind ideal geeignet, damit verschiedene Menschen dort zusammenkommen und gemeinsam an Ideen arbeiten können. Die Immobilie bildet einen ganz besonderen Raum, bei dem die Umsetzung der Idee des Land-Office realistisch möglich ist." Und noch etwas ist besonders: Die Büros sollen nicht dauerhaft vermietet, sondern temporär genutzt werden: sei es von Gründern, die eine Woche in Ruhe an ihrem Konzept arbeiten wollen, sei es von Teilnehmern eines Tagesseminars oder von Menschen, die für ein Jahr dem Stadtleben entfliehen wollen. "Wir wollen die flexible Nutzung eines Umfelds ermöglichen, in dem man kreativ und innovativ sein kann", erklärt Domes.

Dorf-Werkstatt: Erfahrungen teilen

Doch das Konzept soll möglichst nicht auf Ortenberg beschränkt bleiben: Über einen Zeitraum von drei Jahren möchte die Dorf-Akademie zusammen mit den Eigentümern der Immobilie dort Erfahrungen sammeln, wie Land-Office funktioniert. Diese könnten dann auf andere Kommunen übertragen werden - und ihnen dabei helfen, ebenfalls eine geeignete Immobilie fürs Land-Office zu finden.

Dieser nachhaltige Ansatz stellt ein weiteres Großprojekt innerhalb der Dorf-Akademie dar: die Dorf-Werkstatt. Sie ist als dauerhaftes Element geplant mit dem Ziel, aktive Prozesse innerhalb des Dorfes und der dörflichen Gemeinschaft voranzubringen und zu verstetigen. Das Konzept sieht so aus: Man stellt einzelne Projekte vor, die bereits in Dörfern der Region stattgefunden haben, und informiert andere Interessierte unter anderem hierüber: Was war der Anstoß, wer war der Initiator? Wie wurde das Projekt finanziert, und was konnte gefördert werden? Beim Land-Office könnte dies beispielsweise alles sein, was der gemeinsamen Büronutzung dient - vom schnellen Internet über den Drucker bis zum  Meetingraum. Über allem steht die Frage: Wie lassen sich diese Erfahrungswerte auf andere Dörfer übertragen?

"Die Wünsche fürs Land erfüllen sich nicht allein", sagt Wetz. "Wir haben bislang viel gezeigt und präsentiert, und diese Bildungsangebote sollen auch bestehen bleiben. Wir wollen die Prozesse aber auch aktiv begleiten und unterstützen", sagt Wetz. Über die Dorf-Werkstatt könnten die konkreten Einzelprojekte dann als Blaupause für den ländlichen Raum dienen, im Falle des Land-Office als Beispiel dafür, wie man Innovations- und Arbeitsplatzförderung verbinden und wie Innenentwicklung gelingen kann. "Wir wollen die Dorf-Akademie um diese aktive Komponente erweitern, damit sie als Austausch- und Impulsplattform nachhaltig und strukturpolitisch wertvoll ist." Die Dorf-Werkstatt sei als Bindeglied zwischen den verschiedenen Angeboten und Themenbereichen der Dorf-Akademie zu verstehen, ergänzt Domes. Und nennt als weiteres Beispiel eine Altbausanierung: Die dazu relevanten Informationen - wer war einbezogen, welche Fördermittel und speziellen Kredite gab es? - wären ebenso übertragbar und hilfreich für andere Projekte wie beim Land-Office.

Darüber hinaus gibt es weitere Ideen für die Dorf-Werkstatt, etwa das Dorf-Buch Gelnhaar von und mit Ortsvorsteher und Dorfaktivist Olaf Kromm. "Das Dorfbuch ist keine Chronik, sondern eine Momentaufnahme des Dorfes", erklärt Kromm. Das Dorfbuch solle Alt- und Neubürger zusammenführen, aber auch die Attraktivität des Dorfes nach außen tragen.

Ein weiteres Thema für die Werkstatt ist die Dorfmobilität. Hierbei könnte die Initiative der Stadt Ortenberg vorgestellt werden, die beispielsweise über das Regionalbudget eine E-Ladeinfrastruktur in Effolderbach gefördert bekam. So könnten auch andere Kommunen von den Erfahrungen profitieren. "Wir verstehen die Dorf-Werkstatt als Leitplattform, die einen Impuls gibt und einen Austausch ermöglicht", sagt Domes. "Denn eine Frage ist ja für alle in der Region wichtig: Wie bleiben unsere Dörfer attraktiv und lebenswert?" Der Begriff Werkstatt sei dabei bewusst gewählt: "Hier soll etwas konstruiert werden - zusammen mit den Menschen im Dorf."

Neue E-Ladeinfrastruktur und "Dorfbeweger" Fahrzeuge in Effolderbach. Eine Initiative der Stadt Ortenberg mit Förderung über das Regionalbudget der Wirtschaftsförderung Wetterau und des Landes Hessen wird im Rahmen der Dorf-Akademie vorgestellt.

Weitere Projekte und (Online-)Veranstaltungen im Rahmen der Dorf-Akademie, wie bspw. Workshops über Social Media oder Online-Banking, sind zur Zeit in Planung und werden in näherer Zukunft als Pressemitteilung und auf der Website angekündigt.

Impressionen zum Landoffice-Projekt in Ortenberg/Bleichenbach